Lisa Kalteneggers Suche nach Leben im All fing in Salzburg an

Die Salzburger Astrophysikerin Lisa Kaltenegger ist ganz vorn dabei, wenn es um die Entdeckung außerirdischen Lebens geht.

Sie forscht für die NASA, leitet ein Spezialinstitut an der Cornell University und ist auf Du-und-Du mit Nobelpreisträgern. Ein Asteroid trägt ihren Namen. Angefangen hat alles früh in ihrer Heimat, die sie heute gerne als Tagungsort empfiehlt.  

Es ist nicht übertrieben, sie als Superhirn und Salzburgs bemerkenswertesten Wissenschaftsexport zu bezeichnen. Dr. Lisa Kaltenegger hat es im Rekordtempo an die Spitze der Weltraumforschung geschafft. An der Cornell University nahe New York arbeitet sie mit ihrem eigenen Team darauf hin, als erste Leben im All nachweisen zu können. „Ich gehe davon aus, dass sich das in meinem Berufsleben noch ausgeht. Wir sind an dem Nachweis so nahe dran wie noch nie“, sagt die Direktorin des Carl Sagan Institute und Wissenschaftsbeirätin der aktuellen NASA Satellitenmission TESS. „Seit diesem Sommer suchen wir damit den ganzen Himmel nach erdähnlichen Planeten ab mit Spuren von Leben. Im Jänner 2019 wollen wir erste Daten publizieren“, meint die Ausnahmeforscherin, nach der ein Asteroid benannt ist und die längst in Nobelpreisträger-Milieus agiert.  

 

Talent zum Zufall

Die 1977 in Kuchl, einem 7.000-Einwohnerort etwas südlich der Stadt Salzburg, geborene Astrophysikerin fiel ganz früh durch breite Begabungen auf. Ob Rechnen, Sprachen, Zeichnen oder Sport – sie war überall bei den Besten. „Ich habe das Glück, leicht zu lernen. So finde ich auch die Zeit, vieles zu machen“, erklärt die Frau mit der buchstäblich grenzenlosen Neugier. In ihrer Jugend brachte sie neben dem Gymnasium Kurse in Japanisch, im Tanzen, Aktzeichnen und einen Uni-Lehrgang über Chaostheorie unter einen Hut. Heute organisiert sie neben ihren Wissenschaftsagenden einen Haushalt mit Mann und kleiner Tochter.

Ein Talent bringt sie schon in den Ausbildungsjahren immer wieder an den richtigen Ort, nämlich ihr Talent zum Zufall. So werden just in der Zeit, als die  zweite Tochter eines Bautechnikers und einer Sekretärin ins Gymnasium in Hallein wechselt, dort ein Schulversuch mit Spanisch statt Latein sowie eine Hochbegabtenförderung gestartet. Durch die „pluskurse“ bekommt die Vorzugschülerin mit 15 die Chance, an der Naturwissenschaftlichen Uni Salzburg wöchentlich einmal Chaostherie zu studieren. Und weil sie mehr als Englisch und Spanisch interessiert, belegt sie einen Japanischkurs. Ihre dortige Lehrerin sollte ein Vorbild werden auch für Weltoffenheit. Denn bereits im zweiten Jahr nimmt sie die Klasse mit auf Japanrundreise. Die 17-Jährigen wohnen bei Familien, die keine Fremdsprache sprechen. „Diese Möglichkeiten, mit Forschung und Sprachen früh in Berührung zu kommen, rechne ich Österreichs Schulsystem und dem Realgymnasium in Hallein hoch an. Das war spannend und sehr anregend. Wer weiß, was ich sonst gemacht hätte“, fragt sich Lisa Kaltenegger.

Zwei Erinnerungen aus ihrer Salzburger Schulzeit sind unverwechselbar österreichisch, nämlich Ballveranstaltungen und Kaffeehäuser. Als  Tanzschülerin hat sie beide Kulturen ausgekostet. Sie schaffte es zur Formationstänzerin und durfte viele Bälle in Salzburg eröffnen und kostenlos besuchen; rund um die Tanzkurse traf man sich in Salzburgs Kaffeehäusern. Das Café Bazar und die Konditorei Fingerlos sind Lieblingsplätze geblieben. Besuche dort müssen bei jedem Heimaturlaub sein. „Das geht mir in den USA definitiv ab“, meint Lisa Kaltenegger.

 

Eins aus sechs lautet ihr Jackpot

Nach dem ausgezeichneten Schulabschluss übersiedelt die 1,83 große Kuchlerin nach Graz, wo sie an der Universität ein halbes Dutzend Fächer auf einmal beginnt: Betriebswirtschaft, Japanisch, Spanisch-Dolmetsch, Film- und Medienkunde, Astronomie und Technische Physik. Neue Zufälle befeuern ihr Interesse für Naturwissenschaften mehr als für alles andere, sodass sie sich ganz darauf konzentriert. Astronomie und Biophysik studiert sie somit zuende. Japanisch dient derweil für Übersetzerjobs zum Geldverdienen.

In Technischer Physik reicht sie eine Diplomarbeit ein über optische Pinzetten in der Medizin, etwa zur Krebsbehandlung. Ihre wahre Leidenschaft aber wird die Astronomie. Hier schafft sie dann auch rasch den internationalen Durchbruch. Eins aus fünf Fächern lautet also ihr Jackpot. Über die Suche nach extrasolaren Planeten schreibt sie sowohl eine Diplom- als auch ihre Doktorarbeit. So wie ihre Gymnasialzeugnisse, fallen auch die Studienabschlüsse mit Bestnoten aus, was ihr eine Promotion „sub auspiciis praesidentis“ einträgt, die rare Doktoratsverleihung durch den Bundespräsidentin. Für ihre Astronomiediplomarbeit kommt ihr übrigens ihr Schul-Spanisch zugute. Ausgestattet mit einem EU-Stipendium, schreibt sie diese auf Teneriffa.

 

Illustre Adressen

Die ausgezeichnete Jungakademikerin konnte es sich beruflich ziemlich aussuchen. Einstiegsadresse bereits mit 23 ist die Europäische Weltraumorganisation ESA in den Niederlanden. Vier Jahre später erhält sie die Chance, in Harvard zu forschen und zu unterrichten. „Da bin ich erstmals in die Welt von Nobelpreisträgern eingetaucht“, erinnert sich Lisa Kaltenegger. Seit damals ist sie auch im Wissenschafterteam der US-Raumfahrtbehörde NASA für Astrobiologie und extrasolare Planeten. Wichtige US-Medien werden auf die junge Österreicherin aufmerksam; das „Smithsonian Magazine“ reiht die erst 30-Jährige unter Amerikas Top-Junginnovatoren. 2010 dann die nächste illustre Karriereadresse: Das Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo sie erstmals ein Team leitet. Die achtköpfige Gruppe ist an der Entdeckung der Planeten Kepler-62e und Kepler-62f beteiligt. Auf ihnen ist Leben möglich. Der Asteroid 7734, den sie ebenfalls entdeckt hat, erhält sogar ihren Namen. 2012 erhält sie den Ritterschlag als Spitzenwissenschaftlerin, nämlich den mit 16.000 € dotierten Heinz-Maier-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Seit Juli 2014 baut die Salzburger Astrophysikerin an der Cornell University in Ithaca das Carl Sagan Institute auf mit derzeit 27 Professoren aus 14 verschiedenen Studienzweigen, von Astronomie bis Musik. Carl Sagan ist  Kalteneggers großes Idol. Dessen Bestseller „Pale Blue Dot“ wurde 1994 zum Manifest der Wissenschaft vom Leben in der Weite des Universums. Das Jahresbudget des Instituts von einer halben Millionen Dollar ist bescheiden, doch die Motivation groß, als erste konkrete Spuren von Leben in der Galaxie am Bildschirm sehen zu können. „Das wäre das Größte für mich – atemberaubend“, betont die Institutsdirektorin. Ein Nobelpreis wäre ihr wohl sicher.

Sich mit Lisa Kaltenegger zu unterhalten ist ein Vergnügen. Salzburg, wo sie 2014 mit dem Christian-Doppler-Preis geehrt worden ist, könnte sich ein besseres Wissenschafts-Aushängeschild nicht wünschen. „Kaltenegger ist sehr groß und ungezwungen, lacht fast immer und kann über vieles staunen und schwärmen“, schrieb „Die Zeit“ über sie 2017. Bei der Gala zu einem großen Zukukunftskongress in Santiago de Chile, wo sie auf der Bühne den indischen Friedensnobelpreisträger von 2014, Kailash Satyarthi, interviewen durfte, wurde sie an den Tisch der Staatspräsidentin gebeten. Sie sollte dort für Stimmung sorgen. „Den honorigen Herrschaften war schon fad“, meint die Frohnatur aus dem Salzburger Land. Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften lud sie 2016 ein, nach Stephen Hawking ihren Forschungsstand zu referieren. „Mit den vielen Nobelpreisträgern dort bei einem Pausenkaffee lebhaft diskutieren zu können, wird unvergesslich bleiben“, meint Kaltenegger.

 

Salzburgliebe geht durch den Magen

Zweimal jährlich besucht sie mit ihrer Familie ihre Eltern in Kuchl. Die Mutter einer Tochter mit dem bezeichnenden Namen Lara Sky könnte sich auch vorstellen, einmal Kongresse in Salzburg zu besuchen. Schließlich ist Salzburg auch die Heimat von Christian Doppler (1803-53), einem Wegbereiter der Astrophysik. „Vielleicht bringe ich einmal selbst eine Tagung her. Der Tagungsort könnte in der Stadt sein oder droben auf einem Berg. Die Auswahl ist da wirklich schwer“, findet sie. Salzburg als Touristenzentrum verstehe es allemal, mit hochkarätigen Gästen umzugehen. Das stärkste Argument ist die Kulinarik. Kalteneggers Salzburgliebe geht stark durch den Magen. Besser essen als hier gehe kaum – vor allem bei Desserts. „Je mehr man weg ist, desto mehr fällt’s einem auf“, meint die Spitzenforscherin. Auch die neue VEGA Sternwarte und der Hangar 7 von Red Bull seien starke Argumente. Jeder kenne Red Bull, aber wenige bringen die Weltmarke mit Salzburg zusammen. Die Verkehrsanbindung der Festpielstadt sei ebenfalls hervorragend.

Ein Lieblingsplatz in Salzburg, den sie unbedingt herzeigen möchte, ist die Schlossanlage von Hellbrunn mit den einzigartigen Wasserspielen. 2012 hat  sie dort die Hochzeit mit dem portugiesischen Weltraumtechniker Felipe Pereira gefeiert. Mit Walzer unter klarem Sternenhimmel und open end, versteht sich.

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