Dieser Mann machte Salzburg zum Mekka der Geoinformatik Tagungen

Wer sich mit Geoinformatik beschäftigt, stößt unweigerlich auf den Namen Josef Strobl. Die Liebe zu den Bergen hatte den Flachland Österreicher einst an die Uni Salzburg geführt. Mit frühen Forschungen über digitale Modelle der Erde erlangte er Weltruf. Zu seiner jährlichen Tagung im Sommer pilgert die internationale Fachelite.

Die Themen, zu denen die rund hundert Mitarbeiter des Salzburger Uni Instituts für Geoinformatik – kurz Z_GIS – forschen, reichen von sicheren Radrouten in der Stadt über Frühwarnsysteme für Hangrutschungen bis zur Diagnose von Migrationsströmen in afrikanische Flüchtlingslager. Auch die Absicherung von Kinderdörfern in Krisenregionen und die Bewertung von Shoppingcenter-Standorten sind Z_GIS-Schwerpunkte. „Unsere Themen sind oft sehr nahe an Politik und Wirtschaft, sodass manche glauben, wir wären ein Unternehmen“, erläutert Professor Josef Strobl seine Auffassung von Wissenschaft: so theoretisch wie nötig und so praktisch wie möglich. Oder um im Bild der Geographen zu bleiben: so bodenständig und aktuell wie möglich.

Ein gutes Gespür für Marketing tut sein Übriges für Strobls Bekanntheit. Entgegen verbreiteten Gepflogenheiten im akademischen Betrieb wählt er für seine Aktionsfelder eingängige Kürzel: Z_GIS, agit, iSPACE oder iDEAS:lab. Alle taugen zur Marke über die Branche hinaus. Niemand kommt mehr auf die Idee, sie lang und breit auszubuchstabieren. Z_GIS ist der Fachbereich, den Strobl ausgehend vom Fach Geographie an der Uni Salzburg aufgebaut hat und seit 30 Jahren leitet. Der hemdsärmelig umtriebige Wissenschaftler ist längst auch ein Treiber der Entwicklung Salzburgs von einem Tourismusmagneten hin zu einer international beachteten Science City.

 

Sommernacht am Weiher

agit heißt der jährliche Fachgipfel, das große Schaufenster seines Instituts und der Geoinformatik insgesamt. Zum 30.Mal versammelte Professor Strobl dazu die internationale Fachelite Anfang Juli eine Woche lang in Salzburg. Tausend Wissenschaftler – die Mehrzahl als Stammgäste - diskutierten etwa über Geodaten als Basis von Stadt- und Verkehrsentwicklung und Autonomes Fahren, oder auch satellitengestützte Erdbeobachtung und andere Sensoren in einer zunehmend ‚smarten‘ Umwelt. Praktischerweise kombiniert Strobl die Theorie mit einer Messe mit mehr als 50 zahlenden Ausstellern. „Die Universität Salzburg ist ein exzellenter Tagungsort mit Platz für verschiedenste Tagungsformate, und das alles am Grüngürtel nahe der Altstadt“, beschreibt Strobl einen der agit-Erfolgsfaktoren. Aus China und den USA pilgern Fachkollegen dazu her, oft mit Familie, um gleich ein paar Urlaubstage dranzuhängen. Wegen der Zugkraft Salzburgs sei es ihm auch nie in den Sinn gekommen, aus der agit einen Wanderzirkus zu machen. Salzburg ist und bleibt das Fach Mekka. Organisator Strobl nicht ohne Stolz: „Salzburg ist als Destination gefragt, da wollen viele einmal zumindest gewesen sein. Mit dem Image von Mozart und Sound of Music gelingt es auch, Keynote Speaker leichter zu bekommen als anderswo. Wir sind der Community Hub, nicht mehr und nicht weniger.“

Treffen im Umfeld der agit finden auch immer wieder an anderen Plätzen Salzburgs statt, zuletzt etwa im Schloss Leopoldskron. Einige Gäste seien dort am Schlossweiher sitzen geblieben bis zum Morgengrauen. Zum Beweis zeigt der Professor Sonnenaufgangsbilder vom kleinen See mit dem morgenrot erleuchteten Untersberg. „Das ist eine Qualität, die selbst nüchterne Wissenschaflter emotional an Salzburg bindet“, meint Strobl. Die agit ist nicht sein einziger Kongress in Salzburg. Immer wieder bringt sein Team Tagungen her oder beteiligt sich Z_GIS daran, etwa am European Cycling Summit im September 2018, einer EU Plattform für sanfte Mobilität. „In Salzburg kann man das risikofrei angehen. Beschwerden über mangelnde Tagungseinrichtungen, Quartiere und Verpflegung sind die absolute Ausnahme. Das Niveau ist da sehr hoch“, lobt Professor Strobl.

Der Frontrunner der Geoinformatik muss es wissen, verbringt er doch selbst ein Drittel des Jahres bei Kongressen und Projektpartnern rund um den Globus. Als spannenden Partner nennt er das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus, für das Z_GIS mit seiner Copernicus Academy führend in der Ausbildung tätig ist. Strobl spricht vom „Donut-Effekt“, wenn die ferneren Außenbeziehungen die Partnerschaften in der Region überrunden. Um das „Donut Hole“ zu schließen, versuche er, Absolventen auch in der Region zu beschäftigen. Arbeitsfelder sind Stadt- und Regionalplanung, Standortanalysen bei Handelsobjekten, Logistik-Routing etwa in der Forstwirtschaft, Bürgerbeteiligung und Klimafolgenforschung. Einzelne Mitarbeiter haben dazu Start-ups entwickelt, andere bei etablierten Unternehmen angedockt. Die Leitung von Z_GIS ist mit langjährigen MitarbeiterInnen aus dem eigenen Haus besetzt. Das Team ist jedenfalls nicht provinziell, sondern umfasst ein Dutzend Nationalitäten – etwa China, Indien, Kirgisistan oder Kolumbien. Daneben haben sich mehr als ein Dutzend Z_GIS AbsolventInnen an Unis in aller Herren Länder für Professuren qualifiziert.

Pioniergeist

Josef Strobl wollte von klein auf hoch hinaus. Sprichwörtlich. Dem 1958 geborenen Niederösterreicher hatten es nämlich früh Bergtouren angetan. Das führte ihn ab der Jugend vom flachen Heimatort Amstetten in den gebirgigen Westen Österreichs, nach Tirol und Salzburg. Zum Erklimmen von Gipfeln gehört Kartenlesen. Folglich studierte er in Wien Geographie mit Schwerpunkt Kartographie und dazu die Werkzeuge des gerade entstehenden digitalen Zeitalters. Der Sommer, und viele Zeiten zwischendurch, waren allerdings für Bergtouren als Jugendleiter beim Österreichischen Alpenverein reserviert. Gletscher­vermessungen und Auswertungen im Auftrag der Zentralanstalt für Meteorologie in Wien dienten als Einnahmequelle. Seine Doktorarbeit über die Strahlungsbilanz von Gletschern Anfang der 1980er-Jahre steht heute im Kontext der Klimawandelforschung.

Seine Anstellung als Assistent am Geographie Institut der Uni Salzburg verdankte er 1985 aber weniger dieser Expertise als vielmehr seiner Computerkompetenz. Damit wurde er zu einem IT-Pionier der Uni. „Das Thema steckte damals noch in den Kinderschuhen, und man hat jemanden gebraucht, der sich da einigermaßen auskennt und was entwickelt“, erinnert sich der baldige Gründer des Z_GIS. Das Geographie Spin Off für digitale Infosysteme genießt längst einen Sonderstatus an der Uni Salzburg als einer von ganz wenigen fakultätsübergreifenden Fachbereichen. Vorstand Strobl etablierte dort vor 25 Jahren Fernstudiengänge, als andere nicht einmal dran dachten; 2019 startet Z_GIS das EU-weite internationale Masterstudium für Digital Earth. Der Z_GIS-Jahresbericht 2017 weist 40 Forschungsprojekte und 80 Publikationen aus.

Vielbeachtete „Strobl-Kinder“ sind auch das geographische Schulprojekt iDEAS:Lab sowie iSPACE, ein außeruniversitäres Forschungsstudio, welches mit Projekten wie „Urban Green Belts“ immer wieder für Schlagzeilen gut ist.

Strobl selbst ist seit 2010 wirkliches Mitglied der  Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Akademikeradel des Landes. Ein Dutzend anderer honoriger Gremien hat ihn ebenfalls aufgenommen, darunter das UN Gremium für Experts on Global Geospatial Information Management in New York.

80-Stunden-Wochen

Gewerkschafter haben mit einem wie Josef Strobl gewiss wenig Freude. Auch in seiner Familie findet man seinen Eifer nicht so super, lebt er doch mehr oder weniger für seine Arbeit. „Ich habe mein Hobby zum Beruf machen können und alle Freiheiten bekommen“, meint Strobl. 80 Stunden Wochen sind nicht die Ausnahme bei ihm. Zum Ausgleich erklimmt er immer wieder schnell einmal einen der Berge rund um die Stadt Salzburg. Der Untersberg als besserer Abendspaziergang? Professor Strobl lächelt achselzuckend – „das passiert, jedoch nicht mehr sooft“. Andere schaffen die knackigen 1300 Höhenmeter rauf und runter allenthalben per Seilbahn.

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