Der Mastermind hinter Salzburgs Weg zum<br /> smarten Silicon Valley

Was nicht jedermann weiß: Salzburg zählt zu den weltweiten Pionierzentren für smarte Energielösungen und IT-Sicherheit. Der Kopf hinter dem „smarten Silicon Valley“ heißt Dominik Engel.

Was nicht jedermann weiß: Salzburg zählt zu den weltweiten Pionierzentren für smarte Energielösungen und IT-Sicherheit. Der Kopf hinter dem „smarten Silicon Valley“ heißt Dominik Engel. Seine Expertisen gegen IT-Hacker und zum Energiebusiness der Zukunft begeistern Fachwelt und junge Studenten gleichermaßen. Die Weltkonzerne Siemens und Bosch kaufen das Know-how seiner Forschungsgruppe ein.

Dominik Engels Professorenzimmer im vierten Stock der Fachhochschule Salzburg-Urstein gilt als eins der schönsten des Hauses. Der Rundumblick über den FH-Campus, auf die Berge und in die nördlich gelegene Stadt Salzburg ist atemberaubend. Dass man Engel diesen Arbeitsplatz überlassen hat, der auch als Rektorenzimmer passend wäre, ist wohl kein Zufall an der FH Salzburg. Ohne Rektor zu sein, ist er eines der Aushängeschilder der Hochschule. Mit seinem Team leiste er internationale Pionierarbeit, bestätigen Verantwortliche des privaten Lehr-und Foschungsbetriebs.

 

IT-Security als Leibthema


Dominik Engel, Jahrgang 1978, genießt vor allem als Fachmann für digitale Sicherheit internationalen Ruf. Ein halbes Dutzend andere Unternehmen, darunter Siemens und Bosch, finanzieren seine F&E-Arbeiten zur Sicherung persönlicher Daten vor Missbrauch insbesondere durch Hacker mit. Die Cornell University in den USA, die ein Department dazu unterhält, tauscht sich mit ihm und seinen Mitarbeitern ständig aus. Er publiziert in der  wissenschaftlichen Fachbibel „Nature Energy“. Engel hat sich schon als Student in den 1990ern intensiv mit IT-Security beschäftigt, als die Problematik noch weitgehend unterschätzt war. 2002 hat er an der Uni Salzburg seine Diplomarbeit in Angewandter Informatik darüber abgeschlossen, 2008 seine Doktorarbeit und im Vorjahr seine Habilitationsschrift. Ging es anfangs um das Problembewusstsein, hat Engel heute Lösungen. Er hat sich auf IT-Fragen draufgesetzt, bevor es andere getan haben. Diesen Kompetenzvorsprung hat er dem regionalen Energieversorger Salzburg AG, der gemeinnützigen Genossenschaft Salzburg Wohnbau, Siemens und dem Wirtschaftsministerium in Wien vermitteln können. Sie wurden Engels Partner der ersten Stunde und er zum richtigen Mann am richtigen Platz. Dass Salzburg alsbald zur österreichischen Modellregion für digitale Energiesysteme wie Smart Grids auserkoren wurde und man bei Siemens vom „smarten Silicon Valley“ spricht, ist ihm und seiner Forschungsgruppe zu verdanken. „Die Digitalisierung bringt viele Vorteile, hat aber auch den Nachteil, dass sie angreifbar ist. Hacker fliegen auf intelligente Stromnetze, um in die Privatsphäre einzudringen. Mit unserer Forschung zur Stärkung der Privacy haben wir die Sicherheit sehr erhöht und damit auch die Kundenakzeptanz für Smart Meters“, erläutert der Salzburger FH-Professor und Leiter des Zentrums für Sichere Energieinformatik (ZSE).


E-Voting-Prinzip


Für die digitale Steuerung von Sonnen- und Windenergie im Gesamtnetzsystem sind Smart Meter Voraussetzung. Ebenso für die Verrechnung an die Endverbraucher. An deren vielfacher Angst vor der völligen Überwachung ihrer Lebenssphäre sowie an der Angst vor Daten-Hacking drohte die ganze Energiewende zu scheitern. In der Tat hinterlässt jeder Spuren im Datennetz, sobald er ein elektronisches Gerät einschaltet – vom Küchenherd bis zum Computer. Mit smarten Zählern (Smart Meters) ist es für den Energieversorger und auch für Hacker ein Leichtes, daraus privateste Dinge herauszulesen wie Konsumgewohnheiten und ein Religionsbekenntnis. „Wenn man zu Weihnachten und Ostern Verbrauchsspitzen hat, deutet das auf Christen hin. Ähnlich fällt es auf, wenn während des Ramadan tagsüber nicht gekocht wird“, bringt Dominik Engel ein Beispiel. In einem deutschen Laborversuch konnte übers Netz sogar der TV-Konsum eines Haushalts programmgenau identifiziert werden. Um den berechtigten Schutz der Privatsphäre zu garantieren, hat das ZSE-Team Anleihen beim elektronischen Wählen genommen, dem E-Voting: Der Stromverbrauch wird für die Verrechnung zwar einzeln ermittelt, jedoch verschlüsselt gespeichert nach Clustern wie beispielsweise einer Siedlung. Dritte sehen den Individualverbrauch nicht. „Im Vergleich mit einem Haus, haben wir Fenster und Türen für unerwünschte Außenstehende dicht gemacht“, erläutert Dominik Engel.

Der regionale Energieversorger Salzburg AG setzt die am ZSE entwickelte Verschlüsselungstechnolgie bereits um, ebenso andere Netzbetreiber bis nach Kanada. „Diese Pionierarbeit hat unsere kleine FH und unser Miniteam weitum sichtbar gemacht und Konzerne als Geldgeber auf den Plan gerufen“, sagt Dominik Engel. Die EU hat ihn in die „Task Force for Smart Grid Privacy“ in Brüssel berufen.

 

Neue Tariffairness


Zusammen mit dem Energieinstitut Linz hat sich Engels Gruppe kürzlich mit der intelligenten Differenzierung von Netztarifen auseinandergesetzt. In einem neuartigen, fairen Modell sollte eine Alleinerzieherin mit knappem Budget anders tarifiert werden als der gutsituierte Steuerberater. „Individualisierte Kommunikation ist auch ein Geheimnis von Google und Facebook. Für das Gefühl, persönliche Vorteile zu bekommen, sind die User sehr leicht bereit, private Daten preiszugeben“, meint Engel. Patentieren lässt er die Ideen nicht. Er wolle die Erkenntnisse nicht für sich nützen, sondern niederschwellig weitergeben, sagt er. Aufbauend auf den bisherigen Ergebnissen, will das ZSE auch über Elektromobilität, Smart Home / Internet of Things und Blockchain Technologien forschen. Damit will man weitere Industriepartner ansprechen.


Smarter Typ


Smart ist auch das Stichwort, will man Dominik Engels Persönlichkeit und Karriere zusammenfassen. Der Sohn eines Englischprofessors und einer Slawistin aus der Nähe von Innsbruck erscheint mit seiner 1 Meter 89 großen Gardefigur wie ein Männer Model aus dem Kleiderkatalog. Mit 18 ging er zum Informatikstudium nach Salzburg. Das Institut war damals gerade im Aufbau. Als Zweitfach wählte der Tiroler Anglistik / Amerikanistik. Das Sprachstudium mit einem Auslandsjahr in England hat ihm bei der Wissenschaftskarriere vom ersten Tag an geholfen. Denn speziell in seinem Fach läuft alles auf Englisch.


So ist Sony auf den Uni-Absolventen aufmerksam geworden. Dominik Engel wurde globaler Projektmanager für Kopierschutz auf DVDs. Ein Patent dazu hat er mitentwickelt. Ein anderes Highlight und eine Bewährungsprobe in der Sony Zeit war ein Hollywood-Aufenthalt, wo er Studios wie Warner Bros. beraten hat. „Da geht’s streng zu. Sind Vorträge fachlich nicht fehlerfrei, brechen sie ab und werfen dich mittendrin raus“, erinnert sich Engel. Er hat bestanden.

Seine smarte Rhetorik gepaart mit IT-Kompetenz haben ihn schließlich mit der FH Salzburg in Verbindung gebracht. Engel wurde dort 2006 als Lehrbeauftragter für Geheimhaltung im Internet engagiert. Die Kryptologie-Vorlesungen waren bei den Studenten sofort ein Renner. Ungewöhnlich viele Abschlussarbeiten wurden drüber verfasst. Eine Absolventin hat beim österreichischen Bundeskriminalamt BKA Fuß gefasst. Folgerichtig bot man ihm 2010 die frei gewordene Professur für Netzwerk- Technologie und Sicherheit an. „Das war genau meins.“ Engel wechselte von der Privatwirtschaft in den Wissenschaftsbetrieb.

 

„IT-Liebe“

Engel ist in Salzburg verheiratet und Vater zweier Kinder. Die Gattin leitet bei einem Handelskonzern E-Commerce-Projekte. „Es war IT-Liebe“, schmunzelt Dominik Engel. Die Freizeit gehört der Familie und dem Sport. Als Tiroler fährt er selbstverständlich Ski und klettert gerne. Laufen hält ihn zusätzlich fit. Salzburg mit seinem Mix aus schönen Lokalen, der Natur und den Festspielen ist längst seine neue Heimat geworden. Dass die größte Energie-Informatik-Konferenz für den deutschsprachigen Raum im Herbst 2019 an „seiner“ FH Salzburg stattfindet, macht ihn schon jetzt stolz.

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