„Das hat kaum eine andere Stadt dieser Größenordnung zu bieten“

Arne Bathke ist Dekan an der Naturwissenschaftlichen Fakultät in Salzburg. Warum die Location Salzburg so reizvoll ist für Kongressteilnehmer und warum man nicht in Harvard sein muss, um gute Wissenschaft zu machen, erzählt er #meetSalzburg im Interview.

#meetSalzburg: Herr Dekan Bathke, wir treffen uns hier an der Naturwissenschaftlichen Uni Salzburg. Die liegt in dem geschützten, wunderschönen Landschaftsteil Freisaal. Können Sie das genießen und wenn Sie Gäste einladen, sind die beeindruckt?

Arne Bathke: Wir haben generell einen super Standort hier zum Arbeiten. Dazu das kulturelle Ambiente mit einer wahnsinnigen Musikszene, was die Klassik angeht, wir haben die Freizeitmöglichkeiten, wo man direkt von daheim losjoggen kann auf den Gaisberg, oder radeln. Salzburg ist zudem Kulturerbe. Wir haben es damit auch unglaublich leicht, internationale Top-Wissenschafter her zu bekommen zu Tagungen, Workshops oder längeren Besuchen, weil die Location einfach reizt. Und was viele noch gar nicht so wissen, an unserer Uni wird in etlichen Feldern Spitzenforschung betrieben. Nur dadurch können wir natürlich die Top Wissenschaftler von auswärts  kontaktieren, denn die wollen ja nicht als reine Touristen kommen, sondern fachliche Ansprechpartner vor Ort haben und wissenschaftlich etwas weiterbringen. Man muss nicht unbedingt in Harvard sein, um gute Wissenschaft zu machen, das geht auch an kleineren Unis. Ich genieße es jedenfalls sehr, dass wir einen so tollen Standort haben.

Sie kommen aus Hamburg ursprünglich, haben in Göttingen studiert, in den USA – in Kentucky – Karriere gemacht, also einiges gesehen. Was hat Sie bewogen, nach Salzburg zu gehen?

Durch die Hochzeitsreise, die bei uns eine Wanderung war von Süddeutschland nach Italien. Da kamen wir auch durch Innsbruck, wo es meiner amerikanischen Frau so gefallen hat, dass sie meinte, “wenn du da einmal eine Jobchance bekommst, kannst dich ruhig bewerben“. Just war in dem Sommer in Salzburg die Statistikprofessur frei. Wir waren beide in den USA etabliert, hatten feste, gutbezahlte Dauerjobs, ein Haus gekauft – es ging uns also gut, aber nach zehn Jahren dort kam auch der Reiz, etwas anderes zu machen. Das kam also alles zusammen mit dieser Stellenausschreibung in Salzburg, und ich hab’s nicht bereut.

Sie sind Mathematiker mit Schwerpunkt Statistik, haben Data Science erstmals in Österreich als Studienfach etablieren können und eigene Tagungen initiiert. Man kann hier also was bewegen?

Auf jeden Fall. Eine ganz große Stärke des Unistandorts Salzburg ist, dass er nicht zu groß ist. Hier in Salzburg ist man quasi gezwungen zur Interdisziplinarität, weil alles viel kleiner ist. Das ist manchmal eine Herausforderung, aber im Grunde auch ein Segen, denn die großen Herausforderungen für die Menschheit kann man nur interdisziplinär und international lösen. Mit Data Science haben wir genau daraus eine Tugend gemacht. Wir haben das Masterstudium so aufgestellt, dass es hochgradig interdisziplinär ist. Statistik mit Informatik, dazu Fragen der Ethik, des Rechts, der Kommunikation. Der klassische Mathematiker oder Informatiker redet ja nicht immer gerne, aber das muss man als Data Scientist, denn man sitzt zentral in einem Unternehmen. Ein derart interdisziplinäres Studium aufzustellen war hier leicht möglich, weil eine große Offenheit besteht unter den Professoren, gemeinsam mit anderen was zu machen. Wir haben auch sehr große Unterstützung erfahren durch Land und Stadt Salzburg, ebenso durch die Industriellenvereinigung, indem sie uns eine Stiftungsprofessur eingerichtet haben. Seit 2016 gibt’s das Studium, und wir haben seither Kontakt mit rund 25 Firmen und Behörden österreichweit, wo unsere Studenten Praktika machen. Ich hätte mir das nicht gedacht, dass wir so schnell ein solches Netzwerk knüpfen können. In Salzburg gibt es nämlich auch die technologisch kreative Wirtschaft. Das war mir vorher nicht bewusst. Ich dachte vorher, Salzburg ist vorwiegend Musikstadt.

Bei den Daten spricht man von Golden Nuggets, von goldenem Wissen, das möglicherweise in Firmencomputern nur schlummert. Wie heben Sie diese Schätze?

Es wird auch ein bissl ein Hype gemacht um Big Data. Der erste Schritt für uns ist meistens, die Daten zu visualisieren. Das ist schon irgendwie eine Kunst, dass die Daten nicht nur eine Zahlengrafik sind, die man dem Computer überlässt, sondern es gehört viel Kreativität dazu, sinnvolle und aussagekräftige Bilder zu erstellen. Man spricht zwar von „machine learning“, aber es gehört ein gewisser Erfahrungswert dazu, der nicht einfach von Maschinen ersetzt werden kann. Wenn wir Statistiker jetzt eine Struktur finden in den Daten, dann fragen wir uns, ob das Zufall ist oder ob da ein System dahintersteckt. Ich gebe ein Beispiel: Wenn ein Kunde im Laden drei verschiedene Artikel kauft und dann dazu noch einen vierten, könnte das per Zufall so sein. Wir Statistiker können sagen, dass das ein gewisses Gesetz ist, dass einer diesen vierten Artikel kauft, wenn er einmal die anderen drei hat.

Der Handelsbetrieb kann das Kundenverhalten also steuern, wenn er viel weiß?

Natürlich steckt in diesem Wissen ein potenzieller Mehrwert für die Unternehmen. Aber wir versuchen die Studenten auch für die Kehrseite zu sensibilisieren, für gewisse ethische Konflikte, dafür, was man mit Daten machen kann und soll. Beispiel Maschinenbau: Wenn ich weiß, dass gewisse Schwachstellen einen vorzeitigen Ausfall geben werden, kann ich bessere Maschinen erzeugen und so einen Mehrwert erzielen.

Ein Stück Trendforschung auch mit dem Anspruch wissenschaftlicher Wahrheit …

Die hundertjährige Geschichte der Statistik ist ein Riesenschatz auch an Fehlern, die in der Wissenschaft gemacht wurden. Ein gut ausgebildeter Statistiker hat die Trugschlüsse verstanden, die jeweils dahinter steckten. Es gibt den schönen Spruch: Wer Statistik ignoriert, ist dazu verdammt, all die Fehler der letzten hundert Jahre wieder zu machen. Das beobachten wir gerade im Umfeld des Big Data Hype.

Ist das ein Stück Ihrer Motivation, Statistiken aus dem Schmuddeleck zu holen und auf ein Niveau heben zu helfen, wo man sie nicht mehr als Fake abtun kann?

Ja. Es geht darum, zu lernen, sauber zu arbeiten, egal in welcher Disziplin.

„Man muss nicht unbedingt in Harvard sein, um gute Wissenschaft zu machen.“

Wann wird Salzburg ein Tagungszentrum für Statistik?

Wir haben mit meiner Arbeitsgruppe 2016 die erste internationale Tagung hier gehabt, das Salzburg Statistics Festival. Das war eine Woche vor den Musikfestspielen in der Stadt. Das hat gezogen, das ist hängen geblieben. Mit meinem Kooperationspartner in Ulm veranstalten wir jetzt die zweite Auflage dort. Nächstes Jahr machen wir hier die zehnte Ausgabe einer renommierten Statistik-Tagungsserie. Ich glaube schon, dass das hier möglich sein wird. Salzburg ist nicht nur schön undsoweiter, sondern auch im Zentrum von Europa, im Zentrum von Österreich. Das hat Potenzial, mal abgesehen von unseren vielen persönlichen wissenschaftlichen Kontakten in die ganze Welt.

Sie machen das hier an der Nawi, diesem eingangs beschriebenen Campus mitten im Grüngürtel südlich der Altstadt. Wie kann man das Ambiente für Tagungen nützen?      

Sehr gut. Unsere Wissenschafter tun das regelmäßig. Wir haben jedes Jahr eine große Tagung da von der Geoinformatik namens AGIT mit hohem weltweitem Renommee. Da kommen jährlich tausend Leute. Die machen das auch mit Umweltbewusstsein, mit Grünzertifizierung, haben da Vorbildfunktion. Daneben haben wir etliche Konferenzen mit 50 bis ein paar hundert Teilnehmern. Gerade diese Woche war eine geologische Tagung über die Karpaten mit Gästen aus 25 Ländern. Das ist immer ein sehr inspirierendes Erlebnis, wenn Topwissenschafter aus aller Herren Länder da sind. Uns ist dann auch wichtig, dass die sich sehr willkommen fühlen.

Dürfen auch Externe hier veranstalten, also nicht nur Professoren der hiesigen Uni?

Ja, das gibt’s. Die müssen aber ein gewisses Sreening durchlaufen. Fragwürdige esoterische Themen oder anderes, was wir nicht als Wissenschaft ansehen, das möchten wir nicht an der Universität haben, weil das unserem Ruf schaden könnte.

Wie klappt es mit dem Rahmenprogramm?

Wir machen dann meistens ein Konferenzdinner in einem schön gelegenen Restaurant mit österreichischer Küche. Das ist unheimlich beliebt, grad bei unseren Freunden aus Amerika und China. Da geht man dann durch die barocke Altstadt und genießt das Ambiente nach den wissenschaftlichen Vorträgen. Stadt und Land sind da auch immer großzügig. Wenn man eine Tagung mit Prestige herbringt, laden sie gerne zu einem Empfang ein. Man ist dann in der Residenz oder im Schloss Mirabell. Das hat kaum eine andere Stadt dieser Größenordnung zu bieten.

Zur Person:

Arne Bathke, geboren 1972 in Hamburg, kam 2012 via Kentucky, wo er es in wenigen Jahren zum Uni-Professor gebracht hatte, nach Salzburg. Seit 2015 ist der in Göttingen promovierte Mathematiker hier Dekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät. Sein Lehrfach ist die Statistik. Der Pastorensohn spielt Trompete, Orgel und Klavier. In seinem Büro steht ein Cembalo, das er in Arbeitspausen bespielt. Vorlesungen beginnt er gerne mit klassischer Musik. Er hat kein Auto und läuft Marathon. In den USA wurde Bathke mehrfach ausgezeichnet, darunter für sein Engagement gegen den Irak-Krieg. Dabei lernte er seine Frau kennen. Das Paar hat eine Tochter.

„Wir haben es unheimlich leicht, Wissenschafter herzubekommen zu Tagungen, weil die Location einfach reizt.“

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